Wieder einmal geht ein Jahr ins Land. Das Jahresende ist zugleich ein Moment der Reflexion über die eigene Situation und gegebenenfalls auch über die politische Großwetterlage, wie auch für den Blick nach vorn. Was ist, was war, was könnte sein?
Dieses Heft widmet sich im eigentlichen Sinne den Alternativen – und das zu einem Zeitpunkt der politischen Verunsicherung und Frustration, in dem wir endlich mit dem Alten brechen und uns nicht weiter vertrösten lassen sollten mit: „Es gibt keine Alternative“. Denn eine Alternative gibt es immer! Viel schwieriger ist es doch auszuwählen. Denn es gibt nie nur eine Alternative. Manche sind schon angedacht, andere werden bereits praktiziert, sind aber nicht immer von Erfolg gekrönt. Bei manchen kann man nur hoffen, dass sie noch sogenanntes „Work in Progress“ sind – noch in Arbeit. Und natürlich gibt es auch falsche Alternativen.
Auch für unsere Landwirtschaft und Ernährung müssen wir über ernsthafte Alternativen sprechen. Unser Ernährungssystem ist noch lange nicht nachhaltig – müsste es aber sein. Doch die gute Nachricht ist: Der Umbruch ist schon im vollen Gange, wenn auch mit den eigenen Problemen und Tücken. Immer mehr Menschen wollen mitreden, wie unser Essen hergestellt wird. Sie wollen eine Demokratisierung unserer Gesellschaft und unseres Ernährungssystems.
Wir wollen die immer weiter auseinanderdriftende Schere in unserer Gesellschaft wieder schließen – alle mitnehmen und eben auch alle ernähren. Viele dieser Alternativen werden in diesem Heft diskutiert.
Längst setzen sich Umwelt- und Entwicklungsorganisationen gemeinsam mit Bäuerinnen und Bauern, Verbraucherinnen, Bäckern und anderen handwerklichen LebensmittelverarbeiterInnen dafür ein. Genau dieses breite Bündnis ist die Stärke dieser Bewegung – und sie wird am 21. Januar wieder auf der Straße zeigen: Wir haben es satt!
Eine neue Agrar- und Ernährungspolitik ist überfällig, sie wäre genauso populär wie gute Lebensmittel. Hier ist ein Bruch mit dem Alten längst fällig, nicht nur in der EU-Handelspolitik, die vor lauter Exportfreude die Kleinbäuerinnen und -bauern unter die Räder der Agrarindustrie stößt, sondern auch bei beispielsweise der Siegelvergabe und den Biostandards. Die Politik muss endlich den vielen Ansätzen nachhaltiger und ökologischer Landwirtschaft in regional orientierten Strukturen zum Durchbruch verhelfen. Eine weitere Industrialisierung der Land- und Ernährungswirtschaft ist nicht mehr tragbar und unsere Ausgabe soll Menschen und Konzepte vorstellen, die dies lang erkannt haben und etwas unternehmen!
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Inhalt
SCHWERPUNKT
Strukturwandel ist kein Naturereignis – Verkehrte Rahmenbedingungen prägen den Ernährungssektor
Jürgen Maier
„Buen Vivir“ und Ernährungssouveränität – Der Fall Ecuador
Xavier León Vega
Nehmt uns an die Hand! – Durch gesetzliche Standardsetzung Rechte von VerbraucherInnen stärken
Marijana Todorovic
Private Lebensmittelstandards in globalen Lieferketten – Eine eher skeptische Betrachtung
Rudolf Buntzel
Ökologische Standards: Die ProduzentInnen nicht vergessen! – Ökolandbau braucht lokale statt globale Lösungen
Andreas Hattemer
In Polen etwas Neues – Änderungen im Direktverkauf von landwirtschaftlichen Produkten
Waldemar Fortuna
Handwerk und bäuerliche Landwirtschaft – Hand in Hand für eine selbstbestimmte Wirtschaft
Christine Ax und Anke Kähler
Der Umbau der Tierhaltung ist überfällig – Aus der Bewegung gegen Tierfabriken muss ein Impuls für die Neuausrichtung der Tierhaltung kommen
Jochen Fritz
Ist regional das neue Bio? – Auf der Suche der Verbraucher nach besonderen Qualitäten bekommt regionale Ware einen besonderen Wert.
Christine Weißenberg und Marcus Nürnberger
Fressen oder gefressen werden? – Hintergründe der geplanten Bayer-Monsanto-Übernahme
Christof Potthof
Deutsches Düngerecht vor Gericht – Koalition einigt sich auf Überarbeitung der Düngeverordnung
Christian Rehmer und Katrin Wenz
Das böse V-Wort – Verzicht und Bereicherung auf dem Teller und im Suppentopf
Dr. Ursula Hudson
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AKTUELL
Konkrete Infos vom Winde verweht – Offizieller Launch von ‚SDG Watch Europe‘ in Brüssel blieb weitgehend im Ungefähren
Monika Hoegen
TTIP und TiSA – Handelsabkommen mit Zombie-Status
Jürgen Maier
Trump zum Trotz – Die Welt rückt beim Klimaschutz zusammen
Antje von Broock und Ann-Kathrin Schneider
Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück – Bei der dritten Habitat-Konferenz der UN enttäuschte auch die Zivilgesellschaft
Klaus Teschner
Agrarindustrie und Wasserkrise – Wie wir die Menschenrechte auf Wasser und Nahrung schützen können
Maike Gorsboth und Andrea Müller-Frank
Erneutes Scheitern – Kein Abschluss eines Abkommens über Umweltgüter
Jürgen Knirsch
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THEMEN UND AGs
Die Wallonie – Gallisches Dorf oder „pars pro toto“?
Marie-Kathrin Siemer und Nelly Grotefendt
Realpolitik vs. Ablenkungsmanöver – Warum wir uns mit den SDGs beschäftigen müssen
Marie-Luise Abshagen
UN-Agenda 2030 und Freihandelsabkommen – Was bleibt vom Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung?
Durmus Ünlü
Wälder im Klimawandel – Bericht vom 1. Workshop des neuen Wald-Dialogprojektes in Bonn
László Maráz