Machtkampf um die globale Gesundheit: Welche Rolle soll die WHO künftig spielen?

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Siah Tamba, Ebola survivor and Ebola hero
Siah Tamba, Ebola survivor and Ebola hero
Karolin Seitz

Die 79. Weltgesundheitsversammlung (WHA79) (18.-23. Mai 2026) fand inmitten zahlreicher Krisen statt. Überschattet wurden die Verhandlungen nicht nur von geopolitischen Spannungen, sondern auch von neuen Ausbrüchen des Ebola-Virus in Uganda und der Demokratischen Republik Kongo sowie einem Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff. 

Über allem lag jedoch eine noch grundlegendere Krise: Die zunehmende Fragmentierung und Finanzierungskrise des globalen Gesundheitssystems. Immer mehr internationale Organisationen, Gesundheitsfonds und Multi-Stakeholder-Initiativen (MSI) agieren nebeneinander und konkurrieren um Ressourcen und Einfluss.

Gerade Gesundheitskrisen machen die strukturellen Schwächen dieses Systems besonders sichtbar. Bereits während der COVID-19-Pandemie wurde sichtbar, wie unkoordiniert die internationale Reaktion verlief. Nationale und regionale Alleingänge dominierten die Pandemiepolitik, während die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur gerechten Verteilung von Impfstoffen und medizinischen Produkten weitgehend ignoriert wurden.

Anstatt die WHO als zentrale koordinierende Instanz zu stärken, entstand mit dem „Access to COVID-19 Tools Accelerator“ (ACT-A) plötzlich eine neue globale MSI, getragen von Regierungen, philanthropischen Stiftungen, der WHO, der Pharmaindustrie und weiteren Partnerschaften. ACT-A sollte die globale Pandemiebekämpfung koordinieren, scheiterte jedoch sowohl an seinen Verteilungszielen als auch an seinem eigenen Koordinierungsanspruch. 

Eine zentrale Frage ist deshalb, wer Prioritäten in der globalen Gesundheitspolitik setzt und welche Rolle die WHO künftig spielen soll?

Immer mehr Akteure konkurrieren um Macht und Ressourcen

Während Gesundheitskrisen schnelle Entscheidungen, koordinierte Finanzierung und klare Zuständigkeiten erfordern, ist das globale Gesundheitssystem heute von einer Vielzahl parallel arbeitender Initiativen und Akteure geprägt. 

Dazu gehören UN-Organisationen, globale Gesundheitsfonds und Multi-Stakeholder-Initiativen wie die Impfallianz GAVI, Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), der Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria (Global Fund) oder der Pandemic Fund unter dem Dach der Weltbank. Viele dieser Initiativen entstanden aus den Prioritäten einzelner Geberländer und haben ihre Mandate in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgeweitet. 

Dadurch entstehen Überschneidungen, Konkurrenz um Ressourcen und unklare Verantwortungsbereiche. Nationale Gesundheitsbehörden müssen deswegen nicht nur akute Krisen bewältigen, sondern gleichzeitig die Anforderungen zahlreicher Geber, Programme und Initiativen koordinieren. Statt langfristig resiliente Gesundheitssysteme aufzubauen, entstehen Abhängigkeiten von kurzfristigen Förderlogiken und externen Prioritäten.

Die WHO ringt um ihre Rolle als zentrale globale Gesundheitsinstanz

Vor diesem Hintergrund ist eine Reform der sogenannten „Global Health Architecture“ unumgänglich geworden. Bereits im vergangenen Jahr diskutierten zahlreiche Foren und Initiativen mögliche Reformansätze, darunter die Accra Reset Initiative, HEARCSO sowie Initiativen des Wellcome Trust und der EU-Behörde für die Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen (Health Emergency Preparedness and Response Authority, HERA). 

Die Reformdebatten konzentrieren sich dabei vor allem auf die folgenden Fragen: Wie sollen Aufgaben künftig zwischen globalen, regionalen und nationalen Institutionen verteilt werden? Wie kann die Finanzierung unabhängiger und langfristiger gestaltet werden? Wer soll mehr Mitsprache innerhalb der globalen Gesundheitspolitik erhalten? 

Außerdem geht es darum, wie sich der Zugang zu Arzneimitteln sowie gesundheitliche Vorsorge und Datenerhebung weltweit stärken lassen – insbesondere in Ländern des Globalen Südens. 

Die zentrale Frage all dieser Debatten lautet jedoch: Welche Rolle soll die WHO in dem Gefüge künftig spielen?

Denn genau hier liegt ein zentraler politischer Konflikt. Laut Mandat soll die WHO globale Gesundheitsstandards setzen und internationale Koordination sicherstellen. Es ist allerdings fraglich, inwieweit die Mitgliedstaaten, insbesondere große Geberländer mit einflussreicher Pharmaindustrie, wie z.B. Deutschland, eine stärkere normsetzende Rolle der WHO tatsächlich unterstützen.

Angesichts der Deregulierungswelle auf EU-Ebene besteht vermutlich zumindest in vielen EU-Mitgliedsländern wenig politisches Interesse daran, der WHO mehr verbindliche Kompetenzen gegenüber wirtschaftlichen Akteuren einzuräumen. Besonders deutlich wird dies etwa in den laufenden Verhandlungen zum geplanten Pathogen Access and Benefit Sharing System (PABS) zur gemeinsamen Nutzung von Pathogendaten und medizinischen Gegenleistungen, bei denen die EU auf einen freiwilligen Mechanismus pocht. Auch die Industrieverbände warnten während der WHA79 davor, dass die WHO stärker in Fragen geistiger Eigentumsrechte, Lizenzierungen oder Preisregulierungen eingreifen könnte.

Geber bestimmen die Agenda - Länder des Globalen Südens fordern mehr Mitsprache

Hinter der Frage nach der künftigen Rolle der WHO steht letztlich jedoch auch eine grundlegendere Machtfrage: Wer setzt Prioritäten in der globalen Gesundheitspolitik und wer kontrolliert Ressourcen?

Viele Länder des Globalen Südens kritisieren seit Jahren, dass Entscheidungen innerhalb der globalen Gesundheitspolitik weiterhin maßgeblich von großen Geberstaaten und internationalen Finanzierungsmechanismen geprägt werden. Diese Machtasymmetrien spiegeln sich auch in der Finanzierung der WHO wider: Der Großteil ihres Budgets stammt aus zweckgebundenen freiwilligen Beiträgen. Dadurch orientiert sich die Arbeit der Organisation häufig stärker an den Prioritäten einzelner Geberstaaten und philanthropischer Stiftungen als an tatsächlichen globalen Gesundheitsbedarfen.

Viele Reformforderungen zielen deshalb auf eine unabhängigere Finanzierung der WHO. Diskutiert werden unter anderem eine weitere Erhöhung der Pflichtbeiträge der Mitgliedstaaten („assessed contributions“) sowie flexiblere, nicht zweckgebundene Mittel. Gleichzeitig fordern zahlreiche Akteure mehr Mitsprache für Länder des Globalen Südens und Bevölkerungsgruppen sowie mehr demokratische Kontrolle globaler Gesundheitsinitiativen.

Die WHA79 bringt einen neuen Reformprozess auf den Weg

Auf Grundlage eines Vorschlags des Generaldirektors, den dieser Anfang Mai auf Bitte des Exekutivrats vorgelegt hatte, stimmten die Mitgliedstaaten während der 79. WHA einem gemeinsamen Reformprozess zu. 

Ziel des Prozesses ist es, Aufgaben und Zuständigkeiten zwischen globalen, regionalen und nationalen Institutionen besser abzustimmen und stärker an den jeweiligen Bedarfen auszurichten, Entscheidungsprozesse und Zusammenarbeit zu verbessern, die verschiedenen Akteure stärker für die Umsetzung ihrer Zusagen und Aufgaben zur Rechenschaft zu ziehen sowie die Finanzierung stärker an nationalen und regionalen Prioritäten zu orientieren. Gleichzeitig soll der Reformprozess dazu beitragen, nationale Eigenständigkeit zu stärken und die langfristige Finanzierung globaler Gesundheitsaufgaben verlässlicher zu gestalten.

Eine neue gemeinsame Task Force soll bis zur 80. WHA im Mai 2027 die Reformoptionen entwickeln. Die Task Force soll aus insgesamt 25 Mitgliedern bestehen. Vertreten sind WHO-Mitgliedstaaten aus allen Regionen, globale Gesundheitsinitiativen wie GAVI, Global Fund, CEPI und Unitaid, außerdem UN-Organisationen, die Weltbank und eine regionale Gesundheitsorganisation. Seitens zivilgesellschaftlicher Organisationen und der Pharmalobby wird kritisiert, dass sie nicht Teil der Task Force sind, sondern lediglich konsultiert werden sollen.

Der Prozess darf die Fehler des SDG3 GAP nicht wiederholen

Der aktuelle Reformprozess ist nicht der erste Versuch, das zersplitterte globale Gesundheitssystem besser zu koordinieren. Bereits 2019 wurde unter Führung der WHO der „Global Action Plan for Healthy Lives and Well-being for All“ (SDG3 GAP) ins Leben gerufen - eine Initiative zur Verbesserung der Zusammenarbeit zentraler globaler Gesundheitsorganisationen. Unterstützt wurde sie unter anderem von den damaligen Staatschef:innen Deutschlands, Ghanas und Norwegens - Angela Merkel, Nana Akufo-Addo und Erna Solberg.

Auch damals sollte die Zusammenarbeit internationaler Gesundheits- und Entwicklungsorganisationen verbessert werden. Zwar wurden im Rahmen des Aktionsplans neue Koordinierungsstrukturen geschaffen, jedoch wurden die zugesagten Verbesserungen seitens der beteiligten Akteure und auf Länderebene nur begrenzt umgesetzt. Es fehlte ein gemeinsames Verständnis der Ziele, die wirksame Beteiligung zivilgesellschaftlicher Organisationen und Rechenschaftsmechanismen, mit welchen die Staaten die beteiligten globalen Gesundheitsinitiativen und Akteure für ihre zugesagten Maßnahmen zur Verantwortung ziehen konnten. 

Auch dieser Reformprozess wird das System nicht grundlegend verändern

Die Erwartungen an den neuen Reformprozess sind groß, doch grundlegende Umwälzungen sind nicht zu erwarten. Tatsächlich schließt der von den Mitgliedstaaten angenommene Vorschlag des WHO-Generaldirektors tiefgreifende institutionelle Veränderungen ausdrücklich aus. Weder sollen Mandate bestehender Organisationen verändert noch Fusionen oder Zusammenlegungen vorgeschlagen werden.

Damit bleibt der Reformprozess in seinen Möglichkeiten begrenzt. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht allein darin, die Abstimmung zwischen den Akteuren zu verbessern oder effizientere Strukturen zu schaffen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die strukturellen Abhängigkeiten und globalen Ungleichheiten anzugehen, die das gegenwärtige Gesundheitssystem prägen.

Denn solange Geber-getriebene Interessen, geopolitische Machtasymmetrien und wirtschaftliche Profitlogiken das System dominieren, wird auch dieser Reformprozess die globale Gesundheitskrise nicht lösen.FormularbeginnFormularende