Reform oder Rebranding? Eine Interviewreihe zur Reform der globalen Gesundheitsarchitektur unter Federführung der WHO: Dian Maria Blandina

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Dian Maria Blandina, Deutsch
Dian Maria Blandina, Deutsch
Karolin Seitz

 

Die Taskforce des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geleiteten Prozesses zur Reform der globalen Gesundheitsarchitektur bereitet derzeit ihren Zwischenbericht vor, der bis November vorliegen soll. Wir fragen Expert*innen für globale Gesundheit: Kann dieser Prozess zu einem gerechteren globalen Gesundheitssystem führen?

In unserer dreiteiligen Interviewreihe sprechen wir mit Dr. Amitabha Sarkar (Universität Tampere und Forschungsinstitut der Vereinten Nationen für soziale Entwicklung, UNRISD), Dian Maria Blandina (Universität der Vereinten Nationen) und Aggrey Aluso (Resilience Action Network Africa, RANA). Wir fragen, wie eine wirksame Reform aussehen könnte, wessen Stimmen die Debatte prägen und ob Länder und Gemeinschaften mit bislang wenig Einfluss künftig stärker über die Entscheidungen mitbestimmen können, die ihre Gesundheit betreffen.

Dian Maria Blandina ist indonesische Hausärztin, Forscherin im Bereich Gesundheitspolitik und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Internationalen Institut für globale Gesundheit (IIGH) der Universität der Vereinten Nationen. Sie beschäftigt sich mit der politischen Ökonomie von Gesundheit, globaler Gesundheitspolitik und den strukturellen Bedingungen, die Gesundheitssysteme und gesundheitliche Chancengleichheit prägen.

Sie hat ihr Medizinstudium an der Universität Indonesien abgeschlossen und Global Public Health an der Queen Mary University of London studiert. Außerdem forschte sie im Rahmen eines Graduiertenprogramms an der Aristoteles-Universität Thessaloniki. Durch ihr Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen wie dem People’s Health Movement und dem Geneva Global Health Hub verbindet sie wissenschaftliche Politikforschung mit Perspektiven aus der Arbeit an der Basis.

Wenn du auf den bisherigen Verlauf des Reformprozesses blickst: Was stimmt dich zuversichtlich, und was bereitet dir Sorgen?

Dian: Ich weiß nicht, ob ich es Zuversicht nennen würde. Aber ich finde es durchaus ermutigend, dass dieser Prozess die Debatte über die globalen Entscheidungsstrukturen im Gesundheitsbereich und ihre grundlegenden Probleme wieder eröffnet hat – einschließlich der strukturellen Hindernisse. Solche Fragen wurden häufig informell unter zivilgesellschaftlichen Akteuren oder in geschlossenen Gesprächsrunden diskutiert, aber nur selten offen und ausdrücklich angesprochen.

Ermutigend ist auch, dass selbst in den offiziellen WHO-Dokumenten klar benannt wird, wo es erhebliche Probleme gibt: die Zersplitterung der globalen Gesundheitsarchitektur, Doppelstrukturen, schwache Entscheidungs- und Steuerungsstrukturen, mangelnde Eigenverantwortung der Länder, ungleiche Machtverhältnisse und Finanzierungsprobleme.

Ich begrüße außerdem, dass sich im vergangenen Mai zahlreiche Länder des Globalen Südens zu Wort gemeldet und darauf bestanden haben, dass der Prozess von den Mitgliedstaaten geleitet wird. Sie forderten auch einen Mechanismus, der dies sicherstellt, statt den Prozess vor allem den mächtigsten Gebern zu überlassen. Ich möchte meine Sorge näher erläutern:

Beim Lesen der Dokumente fällt auf, dass die Präambel zwar all diese Herausforderungen anerkennt, der weitere Text aber kaum erklärt, wie die WHO oder die Taskforce sie angehen könnten. Die Zersplitterung wird zwar erwähnt, später jedoch als technisches Problem beschrieben: Es gebe zu viele Akteure und zu wenig Abstimmung. Dass diese Zersplitterung politisch herbeigeführt wurde, bleibt unerwähnt. Parallelstrukturen und sogenannte Multi-Stakeholder-Initiativen wurden von einflussreichen Geldgebern, darunter philanthropischen Akteuren, aufgebaut. Über diese Plattformen können sie die Agenda stärker nach ihren eigenen Interessen ausrichten. Es ist irritierend, wenn ausgerechnet dieselben Akteure nun maßgeblich die Reform gestalten.

Deshalb müssen wir uns alle fragen – und die Mitgliedstaaten haben diese Fragen auch während der 79. Weltgesundheitsversammlung (WHA79) gestellt: Wozu dient diese Reform? Wohin soll sie führen? Und kann sie die Machtverhältnisse, auf denen die heutigen globalen Entscheidungsstrukturen im Gesundheitsbereich beruhen, tatsächlich infrage stellen?

Besonders enttäuschend ist für viele die Kluft zwischen der Rhetorik der Inklusion und der Realität des Prozesses. Wissenschaft, Zivilgesellschaft und regionale Einrichtungen brauchen echte Möglichkeiten, die Reform mitzugestalten. Es reicht nicht, sie lediglich anzuhören oder ihre Stellungnahmen einzuholen.

Wie müsste eine wirkungsvolle Veränderung aussehen? Und wie realistisch ist es, dass der Reformprozess sie bewirkt?

Dian: Das ist eine schwierige Frage. Eines ist für mich jedoch klar: Wirksame Veränderungen können nicht damit beginnen, lediglich die beteiligten Institutionen zu erfassen, über eine bessere Abstimmung zwischen diesen mächtigen Akteuren zu beraten und bestehende Finanzierungsströme aufeinander auszurichten. Wir müssen die Debatte deutlich weiter fassen und kritischer fragen, auf welchen Grundlagen diese Finanzierungsmechanismen beruhen, wie sie entstehen und wessen Interessen sie letztlich dienen.

Wenn wir die Eigenverantwortung der Länder ernst nehmen, müssen wir erneut darüber sprechen, was sie tatsächlich brauchen, um ihre eigenen Gesundheitsinitiativen zu gestalten und zu leiten. Dazu gehört, die Beschränkungen ihres fiskalischen Spielraums zu untersuchen und darüber zu sprechen, wie er sich erweitern lässt.

Ein weiterer Punkt kommt im WHO-Dokument zu kurz: Was bedeutet es konkret, die WHO ins Zentrum der globalen Gesundheitspolitik zu stellen? Ihre Autorität ist erheblich geschwächt worden. Selbst die Gespräche, aus denen der jetzige Reformprozess hervorging, wurden nicht von der WHO selbst angestoßen.

Die WHO ist die einzige multilaterale Institution mit dem Auftrag, die öffentliche Gesundheit weltweit in ihrer Gesamtheit zu fördern. Ihre Autorität zu stärken, ist daher unverzichtbar – gerade bei der Koordination der vielen unterschiedlichen Akteure im Bereich der globalen Gesundheit. Das bedeutet: Gesundheit muss an erster Stelle stehen, Geld und Politik müssen nachgeordnet sein.

Genau darin liegt seit Langem ein grundlegendes Problem der globalen Gesundheitspolitik. Eine stärkere WHO würde sich auch auf unsere Länder auswirken: Sie könnte die öffentlichen Gesundheitssysteme stärken und die politischen wie finanziellen Handlungsmöglichkeiten der Gesundheitsministerien erweitern. Während der WHA79 äußerten Mitgliedstaaten die Sorge, welche Folgen der Reformprozess für die WHO haben könnte und ob sich dadurch ihre Rolle verändern würde.

Die Aufgaben einer Organisation können sich nämlich verschieben, selbst wenn ihr offizieller Auftrag unverändert bleibt. Im Laufe der Jahre haben globale Gesundheitsinitiativen zahlreiche Aufgaben übernommen, die eigentlich unter der Führung der WHO liegen sollten – von der Vorbereitung auf Gesundheitsnotlagen bis hin zur Unterstützung von Ländern beim Aufbau eigener Produktionskapazitäten, etwa für Impfstoffe.

In den vergangenen zehn Jahren war die WHO bei solchen Initiativen jedoch häufig kaum mehr als Beobachterin. Sie kann fachliche Beiträge leisten, ist aber nicht die maßgebliche Instanz bei den Entscheidungen. Bei der Klärung ihres Auftrags geht es deshalb auch darum, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren und die Führungsrolle der WHO in der globalen Gesundheitspolitik zu stärken.

Du hast davon gesprochen, den fiskalischen Spielraum der Länder zu erweitern. Was verstehst du darunter? Welche konkreten Vorschläge stehen zur Diskussion, und was würdest du selbst vorschlagen?

Dian: Im endgültigen offiziellen Dokument zum Reformprozess wurde nicht nur der Begriff der Zersplitterung verwässert, sondern auch der der Finanzierung. Finanzierung wird vor allem vor dem Hintergrund sinkender öffentlicher Entwicklungsleistungen behandelt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wir uns besser abstimmen und weniger Geld effizienter einsetzen können.

Die strukturellen Ursachen dieser Finanzierungskrise werden dagegen nicht wirklich anerkannt. Dazu gehören insbesondere der begrenzte fiskalische Spielraum vieler Länder und ihre Schuldenlast. Auch fehlt jeder Versuch, die Debatte mit anderen laufenden UN-Prozessen zu verbinden – etwa mit den Verhandlungen über eine UN-Steuerkonvention, die zur Bewältigung dieser Probleme viel beitragen könnten.

Welche Akteure werden deiner Meinung nach die Reformdebatte am stärksten prägen?

Dian: Für mich ist ziemlich klar, dass vor allem die G7-Staaten von diesem Prozess profitieren dürften. Die Agenda wird bereits so gestaltet, dass sie die Prioritäten der G7 widerspiegelt und unterstützt, wie sie in deren politischer Erklärung zu diesem Thema vom April 2026 formuliert wurden.

Dass Deutschland den Ko-Vorsitz der Taskforce innehat und G7-Staaten in deren verschiedenen Arbeitsbereichen vertreten sind, verstärkt diesen Eindruck. Ich denke, wir können recht sicher sein, dass die globalen Gesundheitsprioritäten der G7 während des gesamten Prozesses gewahrt bleiben. Ich sage nicht, dass das an sich unbedingt schlecht ist. Aber es ist wichtig zu erkennen, wie diese politischen Kräfteverhältnisse wirken.

Auch in anderen globalen Gesundheitsinitiativen und internationalen Gesundheitsinstitutionen, die Mitglieder der Taskforce sind, haben die G7-Staaten erheblichen Einfluss. Hinzu kommen große philanthropische Stiftungen, die überwiegend im Globalen Norden ansässig sind und die globale Gesundheitspolitik maßgeblich mitprägen. Diese Akteure und Institutionen können sich gegenseitig stärken.

Die entscheidende Frage ist, was wir anderen tun können, damit auch unsere Interessen berücksichtigt werden. Letztlich ist das Politik: Alle verfolgen eigene Interessen. Wer sich besonders schnell und wirksam abstimmen, zusammenarbeiten und Bündnisse bilden kann, hat bessere Chancen, diese durchzusetzen. Ich fürchte, dass die Länder des Globalen Südens bislang noch nicht so eng zusammenarbeiten.

In welchem Maße können Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen die Reformagenda mitgestalten?

Dian: Ich bin nicht sicher, wie viel Einfluss wir in dieser Phase noch auf die Ausgestaltung des Prozesses nehmen können. Der enge Zeitplan benachteiligt die Länder des Globalen Südens erheblich, weil ihnen die personellen Kapazitäten fehlen, um den Prozess zu verfolgen.

Trotzdem können sie versuchen, gemeinsam vorzugehen und klare Forderungen zu formulieren, für die sie sich im weiteren Verlauf einsetzen. Der Spielraum beschränkt sich inzwischen weitgehend auf eine bessere Koordination. Eine grundlegende Neuordnung der globalen Entscheidungsstrukturen im Gesundheitsbereich oder eine Auseinandersetzung mit ihren strukturellen Hindernissen ist kaum noch vorgesehen. Doch auch innerhalb dieser Grenzen gibt es konkrete Schritte, mit denen sich die Position der Länder des Globalen Südens stärken und ihre Interessen voranbringen ließen.

Eine Reihe von Ländern ist bereit, nicht nur grundsätzlich auf der Eigenverantwortung der Mitgliedstaaten zu bestehen, sondern auch dafür einzutreten, was diese in der Praxis bedeuten sollte: stärkere Gesundheitssysteme, eine verlässlichere Finanzierung, die eine langfristige Entwicklung im eigenen Land unterstützt, und ein wirksamer Technologietransfer.

Außerdem ließe sich der Reformprozess mit parallel laufenden Verhandlungen verknüpfen, insbesondere mit den PABS-Verhandlungen über den Zugang zu Krankheitserregern und den Vorteilsausgleich (Pathogen Access and Benefit-Sharing). Wenn Länder diese Prozesse miteinander verknüpfen, könnten sie ihre Positionen besser aufeinander abstimmen und geschlossener auftreten. Zugang und Vorteilsausgleich sollten beispielsweise nicht auf den Mechanismus zur Pandemievorsorge beschränkt bleiben, sondern darüber hinaus in den globalen Entscheidungsstrukturen im Gesundheitsbereich verankert sein.

Welche politischen Konflikte und Streitfragen dürften den Reformprozess besonders prägen?

Dian: Eine der zentralen Konfliktlinien hängt mit dem bereits erwähnten engen Zeitplan zusammen. Der Prozess scheint ein Modell zu begünstigen, in dem ein relativ kleiner Kreis von Akteuren schlank und flexibel entscheidet. Eine kleine Gruppe legt zunächst die Agenda fest und erarbeitet Vorschläge, die anschließend allen anderen zur Zustimmung vorgelegt werden. Das ist effizient und ermöglicht ein schnelles Vorgehen. Aber es ist nicht unbedingt demokratisch und garantiert auch nicht, dass die Bedürfnisse und Stimmen aller berücksichtigt werden.

Ein anderes Modell würde einen inklusiveren Multilateralismus anstreben, der alle Länder einbezieht. Dafür könnten sich die Länder des Globalen Südens starkmachen. Meiner Ansicht nach könnten sie sogar gemeinsam beschließen, dass die derzeitige Agenda ihren Zielen nicht dient und die Grundprinzipien des Multilateralismus zu untergraben droht. Dennoch haben sich die Länder des Globalen Südens aus irgendeinem Grund wiederholt auf Agenden und Zeitpläne eingelassen, die andere für sie festgelegt haben.

Es gibt noch zahlreiche weitere Konfliktlinien. Nehmen wir etwa den Begriff der Effizienz: Was bedeutet er eigentlich? Geht es nur um Sparpolitik und Kostensenkungen? Oder könnte Effizienz auch bedeuten, mehr Geld in öffentliche Einrichtungen in Ländern des Globalen Südens zu investieren? Wir könnten über bloße Bekenntnisse zur Stärkung von Gesundheitssystemen hinausgehen und tatsächlich in öffentliche Gesundheitssysteme investieren, die gegenüber den Menschen, denen sie dienen, Rechenschaft ablegen müssen.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Frage, was unter globaler Gesundheitssicherheit verstanden wird. Wenn ich mir den Auftrag der Taskforce ansehe, habe ich den Eindruck, dass die Reform der globalen Entscheidungsstrukturen im Gesundheitsbereich weitgehend auf Gesundheitssicherheit ausgerichtet wird. Diese wird derzeit oft eng verstanden: die Überwachung des Infektionsgeschehens anhand von Daten, der Zugang zu Krankheitserregern und die Vorsorge für Notlagen. Wenn es um Vorsorge im Globalen Süden geht, liegt der Schwerpunkt häufig auf dem Aufbau von Kapazitäten, etwa durch die Ausbildung zusätzlicher Gesundheitsfachkräfte. Viel weniger wird darüber gesprochen, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, damit diese Fachkräfte in ihren Ländern bleiben können. Ohne solche Bedingungen droht sich die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte in den Globalen Norden weiter zu verstärken.

Es gibt viele Themen, die diskutiert werden müssten. Ich bin allerdings nicht sicher, ob dieser Prozess dafür Raum lässt. Denn hier geht es nicht bloß um fachliche Meinungsverschiedenheiten. Letztlich geht es um politische Fragen: um Rechenschaftspflicht, Solidarität und darum, was es bedeutet, gemeinsam für die Sicherheit aller zu sorgen.

Wo siehst du im heutigen globalen Gesundheitssystem den größten Reformbedarf?

Dian: Wenn es darum geht, die Finanzierung der globalen Gesundheit besser aufeinander abzustimmen, könnte der Prozess eine Gelegenheit bieten, darüber zu sprechen, wie Länder die vielen von außen finanzierten Projekte wirksamer koordinieren können.

Wir müssen aber auch fragen, wie Geber mit ihren Finanzierungsentscheidungen weiterhin die nationalen Gesundheitsprioritäten beeinflussen. Welche Schutzvorkehrungen könnte die Reform schaffen, damit die Interessen der Geber nicht die Prioritäten der Länder verdrängen?

Natürlich werden auch öffentliche Entwicklungsleistungen von politischen Interessen geprägt. Diese müssen jedoch nicht zwangsläufig eigennützig sein; sie können ebenso den aufrichtigen Wunsch widerspiegeln, Beziehungen zwischen Ländern zu stärken und einander zu unterstützen. Bei privaten Interessen kann das anders aussehen. Unternehmen verfolgen möglicherweise in erster Linie das Ziel, Gewinne zu erzielen – auch in Bereichen, in denen ihre Geschäftsmodelle zu gesundheitlichen Schäden beitragen können. Deshalb sind Schutzvorkehrungen gegen Interessenkonflikte und ungebührliche Einflussnahme besonders wichtig. Sie sollten meiner Ansicht nach ein zentraler Schwerpunkt des Reformprozesses sein.

Damit kommen wir auch darauf zurück, dass die WHO und ihre zentralen Aufgaben im Bereich der öffentlichen Gesundheit gestärkt werden müssen. Wir müssen darüber sprechen, wie die WHO ihre Abhängigkeit von privaten Gebern und eng zweckgebundenen freiwilligen Beiträgen verringern kann. Diese können ihre Möglichkeiten einschränken, eigene Prioritäten zu setzen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist eine verlässlichere Finanzierung. Wenn die WHO nicht selbst alle Mittel bereitstellen kann, die Länder benötigen, sollten wir andere Mechanismen prüfen, die bei Bedarf verlässliche, leicht zugängliche und ausreichend flexibel einsetzbare Mittel zur Verfügung stellen können.

Eine zentrale Priorität sollte für mich deshalb sein, Mechanismen zu prüfen, die nicht nur die Unabhängigkeit der WHO, sondern auch die fiskalische und technologische Eigenständigkeit der Länder stärken. Wenn wir globale Gesundheitssicherheit ernst nehmen, müssen wir fragen, was Länder brauchen, um ihre eigenen Gesundheitssysteme und technologischen Kapazitäten dauerhaft selbst zu finanzieren, zu steuern und weiterzuentwickeln.

Welche wichtigen Anliegen kommen deiner Meinung nach in den bisherigen Reformgesprächen zu kurz?

Dian: Viele Länder des Globalen Südens dürften darin übereinstimmen, dass mehrere zentrale Fragen in diesem Prozess bislang nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dazu gehören ihr fiskalischer Spielraum, ihre Verschuldung und die Frage, wie die Reform der globalen Gesundheitsarchitektur mit umfassenderen Reformen der internationalen Finanzordnung zusammenhängt.

Eine weitere große Enttäuschung ist, dass eine ernsthafte Debatte über Technologietransfer, geistiges Eigentum und den Ausbau regionaler Produktionskapazitäten fehlt. Wenn wir über Souveränität im Gesundheitsbereich sprechen wollen, müssen wir verstehen, was sie für Länder des Globalen Südens bedeutet: die Fähigkeit, einen verlässlichen und gerechten Zugang zu Gesundheitsprodukten zu gewährleisten und diese im eigenen Land sowie auf regionaler Ebene herzustellen.

Wir sollten außerdem genauer untersuchen, wie sich externe Finanzierung auf die Institutionen eines Landes auswirkt, auch auf öffentliche Einrichtungen. Entscheidend ist nicht allein, wie viel Geld in ein Land fließt oder wie viel Entwicklungsunterstützung es erhält. Wir müssen ebenso fragen, über welche Kanäle die Mittel fließen, welche Akteure daran beteiligt sind, wer von diesen Finanzierungsstrukturen profitiert, wessen Prioritäten sie fördern und ob sie dauerhaft öffentliche Kapazitäten in den Ländern aufbauen.

Welche Rolle kann die Zivilgesellschaft im Reformprozess spielen?

Dian: Die Zivilgesellschaft kann das tun, was sie schon immer besonders gut konnte: Machtverhältnisse sichtbar machen. Wir müssen fragen, wer den Prozess vorantreibt, wessen Interessen er dient und wer von seinen Ergebnissen profitiert.

Wir können den Prozess gemeinsam beobachten, Interviews führen, die Positionen der Mitgliedstaaten genau verfolgen und dafür sorgen, dass zivilgesellschaftliche Organisationen und Wissenschaftler*innen zeitnah verlässliche Informationen über die Entwicklungen erhalten. Zivilgesellschaftliche Organisationen und Forschende beschäftigen sich bereits mit Fragen wie Verschuldung, Handel, geistigem Eigentum, Klimagerechtigkeit und Arbeitsrechten. Wir sollten diese verschiedenen Arbeitsbereiche stärker zusammenführen und Vorschläge entwickeln, die wir direkt an die Mitgliedstaaten und die WHO herantragen können.

Die Stimmen von Gemeinschaften, Gesundheitsfachkräften, Forschenden und zivilgesellschaftlichen Fachleuten aus dem Globalen Süden müssen Gehör finden. Diese Gemeinschaften verfügen über umfangreiches Wissen, Erfahrung und konkrete Empfehlungen. All das würde der WHO entgehen, wenn sie ihnen nicht genügend Raum und Zeit für eine wirksame Beteiligung am Prozess einräumt.

Eine letzte Botschaft ist mir besonders wichtig – sowohl für die Zivilgesellschaft als auch für die Wissenschaft: Wir dürfen uns nicht dazu benutzen lassen, Entscheidungen zu legitimieren, die wir nicht wirksam mitgestalten konnten. Wenn wir an Prozessen teilnehmen, die zwar den Anschein von Beteiligung erwecken, uns aber keinen wirklichen Einfluss geben, laufen wir Gefahr, unbeabsichtigt Regelungen zu legitimieren, die bestehende Machtstrukturen erhalten und den Interessen einflussreicher Akteure dienen. Die Folgen werden dabei auf die Länder des Globalen Südens und bereits marginalisierte Bevölkerungsgruppen abgewälzt.

Wir müssen unsere Unabhängigkeit bewahren und klar zwischen einer bloßen Anhörung und einer tatsächlichen Möglichkeit unterscheiden, Entscheidungen zu beeinflussen.

Wenn du den Entscheidungsträger*innen, die an der Reform beteiligt sind, eine zentrale Botschaft mitgeben könntest: Welche wäre das?

Dian: Verwechselt Koordination nicht mit Transformation.

Über diesen Prozess und seine Ziele herrscht große Unklarheit. Ich bin nicht besonders zuversichtlich. Im Kern scheint es sich um ein vor allem technisches Unterfangen zu handeln, das bestehenden Einrichtungen und Initiativen zu einer besseren Zusammenarbeit und Abstimmung verhelfen soll. Die Machtverhältnisse, die dahinterstehen, und die Interessen, denen sie dienen, werden dadurch nicht zwangsläufig infrage gestellt.

Weiterführende Lektüre: In ihrem im Juli 2026 beim Third World Network erschienenen Beitrag „WHO: Reforming Global Health Architecture on Whose Terms?“ analysiert Dian kritisch den von der WHO geleiteten Prozess zur Reform der globalen Gesundheitsarchitektur und seine Folgen für die Beteiligung und den Einfluss der Länder des Globalen Südens.