Weniger öffentliche Mittel, mehr privater Einfluss: Wer bestimmt die globale Gesundheitspolitik?

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A medical officer serving under the African Union Mission in Somalia (AMISOM) prepares to administer the COVID-19 vaccine at the launch of the COVID-19 vaccination campaign in Mogadishu, Somalia on 17 May 2021.
A medical officer serving under the African Union Mission in Somalia (AMISOM) prepares to administer the COVID-19 vaccine at the launch of the COVID-19 vaccination campaign in Mogadishu, Somalia on 17 May 2021.
Karolin Seitz und Julia Hanne

Finanzierungskrise bringt das globale Gesundheitssystem unter enormen Druck 

Weltweit haben 4,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung. Rund ein Viertel der Weltbevölkerung hat keinen sicheren Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten, in den ärmsten Regionen Afrikas und Asiens betrifft das sogar bis zu der Hälfte der Menschen. Gleichzeitig steckt das globale Gesundheitssystem selbst in einer tiefen Krise: Öffentliche Gelder werden massiv gekürzt, geopolitische Spannungen erschweren die internationale Zusammenarbeit und das System wird immer unübersichtlicher.

Regierungen und internationale Organisationen setzen daher zunehmend auf private Akteure wie Unternehmen und philanthropische Stiftungen, um alternative Finanzmittel zu finden. Mit sogenannten Mischfinanzierungen (blended finance) sollen öffentliche Gelder genutzt werden, um private Investitionen für Entwicklungsziele anzuziehen. Gleichzeitig entstehen immer mehr öffentlich-private Partnerschaften und Gesundheitsdienste werden zunehmend privatisiert.

Das wirkt zunächst wie eine praktische Lösung: Private Gelder sollen Finanzierungslücken schließen und Innovation fördern. Doch dahinter steckt ein grundlegendes Problem: Ein großer Teil der Arzneimittelforschung und vieler Gesundheitsprogramme wird bereits heute öffentlich finanziert. Trotzdem sichern sich Pharmaunternehmen über Patente und Lizenzrechte die Kontrolle über Preise und Verfügbarkeit von Medikamenten. Die hohen Gewinne fließen anschließend an die Unternehmen zurück und stärken ihre wirtschaftliche und politische Macht weiter. So entsteht ein Kreislauf, in dem öffentliche Gelder private Profite ermöglichen.

Private Akteure gewinnen Einfluss, doch kritische Debatten fehlen 

Was in vielen Debatten jedoch fehlt, ist eine kritische Auseinandersetzung mit der wachsenden Macht privater Unternehmen, ihren Lobbygruppen und philanthropischen Stiftungen, und den Folgen für globale Gesundheitsgerechtigkeit. Das zeigt sich auch in aktuellen Debatten zur Reform der globalen Gesundheitsarchitektur bei der 79. Weltgesundheitsversammlung, die vom 18. bis 23. Mai 2026 in Genf stattfindet und bei der die Staaten einen Prozess für die Reform festlegen.

Im Mittelpunkt des offiziellen Reformprozesses stehen dabei zwei Fragen: Wie kann die zunehmende Fragmentierung des Systems angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Akteure und Interessen überwunden werden? Und wie lassen sich Finanzierungslücken schließen? Viele Vorschläge setzen dabei auf eine stärkere Beteiligung privater Akteure.

Ein Beispiel dafür, wie unkritisch viele Regierungen und internationale Organisationen mit solchen Partnerschaften umgehen, ist die neue Kooperation zwischen dem Lebensmittelkonzern Nestlé und der United Nations University (UNU). Durch die Partnerschaft wird Nestlé in Bildungs- und Nachwuchsprogramme der UNU im Bereich Ernährung eingebunden. 

Viele zivilgesellschaftliche Organisationen sehen darin einen problematischen Interessenkonflikt. Sie kritisieren, dass Nestlé Weiterbildung und Sponsoring seit Jahren gezielt nutzt, um Einfluss auf wissenschaftliche Debatten, Ernährungsempfehlungen und politische Entscheidungen zu nehmen. Besonders problematisch ist das, weil Nestlé immer wieder wegen gesundheitsschädlicher Produkte und aggressiver Werbung, etwa für Säuglingsnahrung, kritisiert wird.

Mehr Macht, weniger Akteure: Drei weitreichende Folgen für die globale Gesundheit

Die zunehmende Macht und der wachsende Einfluss privater Akteure haben drei weitreichende Folgen, die auf unserem Briefing „Sechs Thesen zu privaten Akteuren in der globalen Gesundheit“ basieren.

  1. Profitinteressen bestimmen den Zugang zu Medikamenten

Patente und Marktmacht bestimmen heute oft, welche Arzneimittel verfügbar sind und wie teuer sie sind. Das zeigte sich besonders während der COVID-19-Pandemie: Obwohl Impfstoffe mit großen öffentlichen Geldern entwickelt und gefördert wurden, war der Zugang weltweit sehr ungleich verteilt. Gleichzeitig wird Forschung zu Krankheiten, die vor allem arme Menschen betreffen, oft vernachlässigt. Dazu gehören etwa Cholera oder sogenannte vernachlässigte Tropenkrankheiten, weil sie für Unternehmen weniger profitabel sind. Auch privatisierte Gesundheitssysteme verschärfen soziale Ungleichheiten, da der Zugang zu medizinischer Versorgung stärker von Einkommen und Zahlungsfähigkeit abhängt als vom tatsächlichen Bedarf.

  1. Wer zahlt, entscheidet mit: Private Akteure beeinflussen zunehmend politische Entscheidungen

Private Unternehmen beeinflussen zunehmend politische Entscheidungen im Gesundheitsbereich. Durch Lobbyarbeit und ihre Beteiligung an Multi-Stakeholder-Partnerschaften wirken sie bei der Verteilung öffentlicher Gelder und bei politischen Prioritäten mit. Gleichzeitig werden Stimmen aus der Zivilgesellschaft und betroffene Gemeinschaften oft weniger gehört. 

Auch philanthropische Stiftungen prägen durch ihre Finanzierung zunehmend, welche Themen im Mittelpunkt stehen. Häufig fördern sie marktbasierte, technische und kurzfristig messbare Lösungen. Langfristige Maßnahmen, etwa der Aufbau stabiler Gesundheitssysteme oder die Bekämpfung sozialer Ursachen von Krankheit, erhalten dagegen oft weniger Aufmerksamkeit.

  1. Konkurrierende Akteure und Eigeninteressen erschweren die Koordination im globalen Gesundheitssystem

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist laut ihrem Mandat die zentrale Koordinatorin globaler Gesundheitspolitik. Doch die Realität sieht anders aus. Immer mehr Akteure, darunter globale Multi-Stakeholder-Initiativen wie die globale Impfallianz GAVI und der Globale Fonds zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria, konkurrieren heute gemeinsam mit der WHO um knappe öffentliche Mittel, um politischen Einfluss und die Setzung globaler Gesundheitsprioritäten.

Das führt häufig zu Doppelstrukturen und zusätzlichen Berichtspflichten für Länder im Globalen Süden. Im Mittelpunkt stehen vor allem Programme gegen einzelne Krankheiten sowie technische und marktorientierte Lösungen für globale Gesundheitsprobleme. Hinzu kommen freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen und Organisationen. Verbindliche gesetzliche Maßnahmen, Prävention und die Bekämpfung grundlegender Ursachen von Krankheit geraten dabei oft in den Hintergrund. Das Ergebnis: Wirtschaftliche und politische Macht konzentrieren sich bei wenigen Akteuren, oft ohne ausreichende demokratische Kontrolle. Dadurch werden bestehende Ungleichheiten werden weiter verschärft.

Auch Deutschland setzt zunehmend auf private Akteure

Deutschland spielt in dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Auch die Bundesregierung setzt verstärkt auf die Zusammenarbeit mit privaten Akteuren, etwa durch den Aktionsplan „Starke Partnerschaften für eine erfolgreiche Wirtschaft weltweit“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Sie will vermehrt öffentlich-private Partnerschaften und neue Finanzierungsmodelle fördern, um privates Kapital stärker in die globale Gesundheitspolitik einzubinden. 

Gleichzeitig ist Deutschland Sitz einer einflussreichen Pharmaindustrie und hat großen Einfluss auf internationale Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation. Daraus ergibt sich jedoch auch eine besondere Verantwortung: Die Bundesregierung sollte sich für klare Regeln, mehr Transparenz und eine gerechtere globale Gesundheitsarchitektur einsetzen und klare politische Maßnahmen treffen, darunter:

  • Die WHO durch höhere staatliche Pflicht- und ungebundene Beiträge finanziell stärken und ihre Rolle als zentrale internationale Gesundheitsorganisation absichern, statt Aufgaben der internationalen Gesundheitsgovernance an Multi-Stakeholder-Partnerschaften auszulagern.
  • Lobbyeinfluss begrenzen und Regeln und Mindeststandards, darunter Transparenz- und Rechenschaftspflichten für die Zusammenarbeit mit privaten Akteuren und Multi-Stakeholder-Partnerschaften schaffen, insbesondere bei der Verwendung öffentlicher Gelder und bei Interessenkonflikten
  • Den Zugang zu Medikamenten sichern, indem öffentlich finanzierte Forschung an klare Zugangs- und Transparenzbedingungen geknüpft, Monopolstellungen begrenzt und Reformen des globalen Patentsystems vorangetrieben werden – etwa durch einen erweiterten TRIPS-Waiver in globalen Gesundheitskrisen. 
  • Öffentlich-private Partnerschaften, Mischfinanzierung und andere marktorientierte Finanzierungsmodelle nur in begründeten Ausnahmefällen einsetzen und stattdessen mehr staatliche Investitionen in Gesundheit ermöglichen, beispielsweise durch Schuldenerleichterungen, Bekämpfung von Steuerflucht und Gewinnverschiebung, sowie Steuern auf gesundheitsgefährdende Produkte
  • Prävention und öffentliche Gesundheitssysteme ausbauen und strukturelle Ursachen von Krankheit angehen, statt nur kurzfristige Einzelprogramme zu fördern
  • Zivilgesellschaftliche Organisationen und betroffene Gemeinschaften stärker in gesundheitspolitische Entscheidungen einbeziehen und stärken 

Ein System im Ungleichgewicht

Immer stärker werden öffentlich finanzierte Gesundheitsstrukturen von privaten Interessen beeinflusst. Gewinne und politischer Einfluss konzentrieren sich bei wenigen großen Akteuren und verstärken bestehende Ungleichheiten weiter. Ohne politische Gegenmaßnahmen drohen wachsende globale Ungleichheiten und ein weiter eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung, besonders für benachteiligte Bevölkerungsgruppen.

Wenn die Rolle privater Akteure im aktuellen Reformprozess kritisch hinterfragt und neu geregelt wird, bietet das die Chance auf ein gerechteres globales Gesundheitssystem. Ein System, das sich nicht an Profitinteressen, sondern stärker am Gemeinwohl orientiert und das Recht auf Gesundheit für alle Menschen in den Mittelpunkt stellt. 

Zum Briefing: Globale Gesundheit in der Krise: Sechs Thesen zur Rolle privater Akteure